18

Kriegschronik

Ende Juni weilte der Thronfolger Franz-Ferdinand von Österreich-Ungarn mit seiner Gemahlin in Bosnien. Er stattete auch der Stadt Sarajewo einen Besuch ab. Bei einer Autofahrt (28.6.1914) wurde ein Attentat verübt, dem beide zum Opfer fielen. Die Täter waren Serben und es stellte sich schon bald heraus, daß die serbische Regierung mitschuldig sei. Österreich-Ungarn verlangte Genugtuung und stellte darum an die serbische Regierung ein Ultimatum. Innerhalb 48 Stunden wurde bedingungslose Annahme der Bedingungen verlangt. Nun stellte sich Rußland hinter Serbien und deckte es. Dieses lehnte es nun ab, Österreichs Absichten zu entsprechen. Darauf erfolgte die Kriegserklärung seitens Österreichs. Rußland mobilisierte nun auch. Aber nicht nur an der russischen West-, nein auch an der Ostgrenze unseres Vaterlandes marschierten gewaltige Truppenmassen auf. Auf eine Anfrage des deutschen Botschafters (27.7.1914) in Petersburg erklärte der russische Kriegsminister ehrenwörtlich, es sei kein Mobilmachungsbefehl

19

ergangen, es würden nur Vorbereitungsmaßregeln getroffen; kein Pferd sei ausgehoben, kein Reservist eingezogen. Trotzdem wußte man bei uns bestimmt, daß Rußland mobilisierte. Man versuchte, uns zu täuschen, um mehr und mehr Zeit und Vorsprung zu gewinnen. Unser Kaiser versuchte auf alle Weise den Frieden zu erhalten - er hatte keinen Erfolg. Ohne Kriegserklärung gingen russische und französische Truppen über die deutsche Grenze, beschossen deutsche Abteilungen und versuchten Bahnen und Gebäude zu sprengen. Da erfolgte die Kriegserklärung seitens Deutschlands an Rußland und Frankreich.

1.8.14

Am Nachmittag - gegen 6 Uhr - flog auf allen Telegraphendrähten der Befehl zur Mobilmachung durch das deutsche Reich. Schon in den Tagen vorher war die Aufregung gewaltig groß gewesen. Jetzt erreichte sie ihren Höhepunkt. Von der Gerechtigkeit unserer Sache war jedes deutsche Herz überzeugt. In Berlin kam es zu gewaltigen Kundgebungen. Tausende zogen zum kaiserlichen Schloß. Der Kaiser erschien auf dem

20

Balkon und hielt eine Ansprache, die Begeisterung war ungeheuer groß. In allen Großstädten fanden Umzüge statt, deutsche und österreichische Fahnen wurden herumgetragen und patriotische Lieder gesungen. Ein Erlaß des Kaisers ordnete an, daß der 5. August ein allgem. Bußtag sein sollte. Der Landsturm wurde aufgerufen, der Bezirk des 7. Armeekorps wurde jedoch vorläufig von dieser Verordnung nicht betroffen. Auch der Reichstag wurde für den 4. Aug. einberufen zu einer außerordentlichen Session. Am 6. August erließ der Kaiser einen Aufruf an das deutsche Volk. Dieser schließt mit den Worten: "Noch nie wurde Deutschland überwunden, wenn es einig war! Vorwärts mit Gott, der mit uns sein wird, wie er mit unseren Vätern war!"

4.8.14

Der Reichstag wurde im Weißen Saal des königl. Schlosses eröffnet. Der Kaiser selbst laß die Thronrede vor. Darauf sprach er frei: "Ich kenne nur noch Deutsche, ich kenne

21

keine Parteien mehr." Darauf forderte er die Vorsitzenden der Fraktionen auf, ihm das Gelöbnis der Treue in "Not und Tod" in die Hand abzulegen. Eine Stunde später war die erste Sitzung. Der Reichskanzler begründete noch einmal den Standpunkt der Regierung und dann begannen die Verhandlungen. 16 Kriegsvorlagen waren eingegangen, darunter die Forderung der Kriegskredite in Höhe von 5 Milliarden Mark. In Sturmeseile wurden alle Vorlagen ohne Debatte angenommen.

5.8.14

Heute war der allgemeine Buß- und Bettag. In den Kirchen fanden vormittags Bittgottesdienste statt. Daraus ging jeder wieder an seine Arbeit. - Eine Verordnung des Kaisers erneuerte für den gegenwärtigen Feldzug den Orden des Eisernen Kreuzes.

Ortschronik

Schon einige Zeit vor der Kriegserklärung herrschte in der Stadt eine gewaltige Aufregung. Jeder ahnte, was im Anzuge war. Auf den Straßen bildeten sich Gruppen, die lebhaft miteinander diskutierten. Des Abends

22

durchzogen gewaltige Scharen die sonst so einsamen Straßen der Stadt. Besonders in der Berliner und Kökerstraße war ein so großes Gemenge, daß der Verkehr stockte. Die Zeitungen brachten durch Anschlag die neuesten Nachrichten. Erst gegen elf Uhr wurde es allmählich stiller. Der Höhepunkt trat ein, als am Freitag, den 31.7. durch große Plakate der Kriegszustand verkündet wurde. Alle sahen darin den Vorläufer der Mobilmachung. Die ersten Gestellungsbefehle wurden ausgeteilt. Gymnasiasten unterstützten die mit Arbeit überhäuften Beamten. Auf den Straßen ertönten patriotische Lieder, in den Wirtschaften herrschte ein fürchterliches Gedränge. Des Abends fuhren die ersten (besonders 58er Artillerie) ab. Es regnete Liebesgaben. Glück- und Segenswünsche nahmen kein Ende; aber auch manche Träne wurde vergossen. Samstag, den 1.8. abends gegen 6 Uhr wurden überall weiße Zettel angeschlagen. Darauf stand:

Se. Maj. der Kaiser hat die Mobilmachung befohlen. Erster Mobilmachungstag ist

23

der 2. August, zweiter Mobilmachungstag ist der 3. August u.s.w.

Keine Klage, kein Murren ertönte. Helle Begeisterung leuchtete aus den Augen der Gütersloher. Kampfesmut strahlte aus den Augen der Kasernisten, die den Tag ihres Eintritts mit Sehnsucht erwarteten. Hunderte meldeten sich freiwillig. Manche, die in Bielefeld, Minden, Bückeburg oder Detmold wegen eines Körperfehlers oder des jugendl. Alters nicht angenommen wurden, machten Reisen nach allen möglichen Garnisonen, bis sie schließlich das Ziel ihrer Wünsche erreicht hatten. Jeden Tag fuhren Einberufene ab. Mit einem Köfferchen oder einer Pappschachtel in der Hand ging es, von Freunden und Verwandten begleitet, zur Bahn. Die vor der Hochzeit standen, ließen sich kriegstrauen. Eines Aufgebots bedurften sie nicht. Im einfachen Kleide von zwei Zeugen begleitet, zogen sie zur Kirche. Zu jeder Tageszeit fanden solche Kriegstrauungen statt. Jede äußere Feier fiel fort.

24

Für die eingezogenen Reserven, für die Munitions- und Trainkolonnen fehlte die Bespannung. Die Pferdebesitzer zogen mit ihren Tieren nach Rheda. Dort fand eine Musterung statt. Die "felddienstfähigen Gäule" wurden behalten und gut bezahlt. Die Bauern benutzten nun Ochsen und Kühe bei ihren landwirtschaftlichen Arbeiten. Da nur noch wenig Pferde vorhanden waren, gingen die Preise ganz gewaltig in die Höhe. Rosse, die man sonst mit 250 - 300 M bezahlte, kosteten nun 600 - 800 M. Der Fahrplan der Eisenbahn erfuhr große Veränderungen. Es fielen immer mehr Züge aus, zuletzt verkehrten in jeder Richtung nur noch zwei. Schon bald begann der Transport der Truppen. Zug auf Zug (alle 10 Minuten) rollte durch den Bahnhof und fuhr gen Westen. Hier in G. war eine Verpflegungsstation errichtet. Die Truppen stiegen aus und erhielten in großen Baracken warmes Essen. Tausende standen an der Bahn, um die Soldaten zu sehen. Diese hatten die Wagen

 

 

zurück / Home / Chronik: Inhalt / vorwärts